Mironel

 

Wir haben uns nur einmal getroffen, Mironel und ich, an einem Sommer, in Constanta, am Schwarzen Meer.

Ich glaube, er war sieben bis acht  Jahre alt, ich selbst muß um die zehn Jahre herum gewesen sein, so wie Barbu, mein bester Freund aus der Kindheit. Es war eine lange und schöne Freundschaft mit ihm, die gut zehn Jahre gedauert hat.

Barbu war der Cousin von Mironel und dessen Schwester, Lena war in unserem Alter. Deren Eltern, der Onkel und die Tante von Barbu waren so freundlich und hatten uns angeboten, zwei Wochen der Ferien bei Ihnen zu verbringen.

Lena war ein feines Mädchen, angenehm, höflich, ruhig und ernsthaft, vielleicht zu ernsthaft - sie spielte Geige. Oder mußte Geige spielen...Ihr Vater, Onkel Miron war Musiklehrer und zugleich auch Ihr Geigenlehrer. Er war ein sympathischer Kerl, gastfreundlich, und hat sich in jenem Sommer sorgsam um uns gekümmert, aber mein Eindruck war, daß er doch zu streng und zu anspruchsvoll mit seiner Tochter war - den ganzen Tag Tonleiter, Training, Üben, Proben, manchmal Konzerte, viel Arbeit, manchmal Quälerei.

 

Anders streng, bzw. dominant war Barbu`s Mutter, die Schwester vom Onkel Miron, Tante Nela - eine große Seele sonst...aber zu viel Seele und zu viel Erziehung kann einen ersticken, gerade ein Kind in seinem Wachstum und Werden, so wie damals Barbu und seine ältere Schwester Simina waren.

Ich erinnere mich zum Beispiel, wie Tante Nela und Onkel Titu, ihr Mann, den Anspruch an ihre Kinder gestellt hatten, daß diese sie siezen...es war natürlich völlig daneben in jenen Zeiten, aber diese Formalität zeigt auch, welche rigiden (Vor)Urteile die Eltern hatten.

Ich wundere mich eigentlich, daß auch nicht Barbu hat musizieren müssen, - seine Schwester Simina musste Klavier spielen, die Mutter, Tante Nela hatte früher, wie auch ihre eigene Mutter, also die Oma, im Chor gesungen.

 

Das Ziel war, daß Lena den Sprung ins Musikkonservatorium schafft, was gar keine Kleinigkeit war, denn die Konkurrenz war groß und die Prüfungen schwierig - der Beginn eines professionellen Weges halt. Und möglicherweise auch, daß sie Karriere macht, zumindest in einem Orchester, wenn nicht als Sologeigerin.

Man weiß es, wenn die Eltern zugleich auch Lehrer sind, ist es in der Regel gar nicht leicht fürs Kind. Diese doppelte Rolle potenziert sich.

Ich glaube, daß Lena genug Talent hatte, und ich glaube aber auch, daß ihr Vater zu viel verlangte, daß er Zwang ausübte. Wie auch immer, nachdem sie 2-3 mal durchgefallen war, ist es ihr gelungen die Aufnahmeprüfung zu bestehen.

Ich erinnere mich noch, daß Lena einen eigenartigen Fleck hatte, braun gefärbt, irgendwo zwischen Kinn und Hals, - es war der Stempel des Drucks des Körpers auf der Geige, um ihr den nötigen festen Stand zu geben für jenes extrafeines Passen, für das wundersame Treffen der vier Saiten mit dem Bogen.

 

Der Strand war recht weit weg von unserer Unterkunft, wir mussten mit dem Bus fahren, und auch zu Fuß, das spielte aber keine Rolle. Wichtig war, daß wir am Meer waren - Wellen, Sand, Sonne respektive die mir so nötigen Schatten und Brise. Plus eine gute Unterkunft, nicht irgendwo 0815 in einem Standardbillighotel aus jenen ruhmvollen sozialistischen Zeiten...

Es war also eine gute Zeit für uns, ich erinnere mich aber nicht an vielen Details, bis auf diese folgende Szene.

Dabei hatte ich bei mir auch ein paar Spielzeuge, ein paar Modellautos, die ich von meiner Mutter aus Deutschland bekommen hatte, Autos der Marken Matchbox und Siku, damals waren die aus einer Alulegierung, heute sind die alle aus Plastik, made in China. Ich spielte leidenschaftlich mit ihnen, so wie ich es auch mit den kleinen Plastiksoldaten, Indianer und Cowboys tat. Perfekt war es aber, als ich und Barbu zusammen spielten - außer des Spiels mit den Autos bauten wir auch Burgen aus Dominosteinen, benutzten Kissen, Stühle und andere Möbelstücke aus dem Zimmer, wir arrangierten unsere Heeren und schossen mit Plastikmunition auf die Männchen. Stundenlang. Wir bauten unsere eigene Welt, - kriegerisch, typisch bubenmäßig.

Jedenfalls hatte ich 1-2 Autos fast immer dabei, als ich beim Essen war, am Bett und sonst wo ich war.

 

An einem Abend jener Ferienzeit in Constanta holte ich mir 2-3 Autos raus, um mit ihnen draußen, im Hof der Gastgeber zu spielen. Mironel hat sie gesehen, bat mich ihm eines zu zeigen, er hat es in die Hände genommen, umgedreht, hat ein bißchen damit gespielt, offensichtlich hat es ihm gefallen und mich dann gefragt, ob er es nicht behalten könnte.

Zum spielen jetzt ja, aber doch nicht geschenkt! Es war meins!

Er hat mich weiterhin gebeten, hat insistiert, wurde traurig, hat geweint, aber ich habe nicht nachgegeben - es war mein Spielzeug, eines meiner Favoriten, warum sollte ich es ihm geben?!

Der Konflikt eskalierte, die Eltern griffen ein. Onkel Miron versuchte seinem Sohn Mironel zu erklären, daß er keinen Anspruch an dem Spielzeug eines anderem haben kann. Danach kam noch ein anderer Erwachsener hinzu, weiß nicht mehr wer, der mich überzeugen wollte. Das Argument war stark: komm, mach ihm doch den Gefallen, wie viele Freuden hat der arme Mironel sonst?! Und du hast ja noch so viele andere Autos daheim.

Ich habe mich verteidigt, - es ist doch nicht gerecht, auch wenn er schon im Rollstuhl sitzt, wegen seiner Lähmung! Alle verwöhnen ihn und alle seine Wünsche werden erfüllt!

Ich weiß nicht mehr, wie die Verhandlung zu Ende ging, wer nachgegeben hat, welche Argumente überzeugt haben, welche Elternautorität sich durchgesetzt hat.

Ich glaube, daß es zum Kompromiss kam und Mironel sich ein anderes Auto von meinen anderen aussuchen durfte, ich weiß aber nicht, ob er dann überhaupt noch eins haben wollte.

 

Die Erinnerung an ihm ist eher schwach: er war blaß, blond, mit einem etwas disproportionierten Kopf, zu groß im Verhältnis zu seinem schmächtigen Körper ohne Vitalität und Mobilität, der auch noch im Korsett gefangen war, um besser vertikal bleiben zu können in seinem Rollstuhl.

Sie sagten, er sei ein ganz intelligentes Kind für sein Alter gewesen - wahrscheinlich musste er intellektuell jene enorme, physische, ihm bestimmte Behinderung kompensieren. In dem er anderswie, woanders wuchs.

Die erste kritische Phase der Entwicklung seiner Kinderlähmung war im Alter von 3-4 Jahren, die zweite wäre in der Pubertät gefolgt - Mironel ist aber früher gestorben, er wurde keine 10 Jahre alt.

 

Möglich, daß solange er sein kurzes Schicksal gelebt hat, seine Schwester Lena das Schicksal eines Schattenkindes hatte, nämlich des Kindes auf Platz zwei bei den Eltern.

Und vielleicht eben drum wollten die Eltern, vor allem der Vater, daß zumindest sie, das andere Kind, nicht scheitern, sondern Erfolg haben soll.

 

Hoffen wir, daß Mironel in dem er so früh ins Jenseits gegangen ist, das in seinem von Herkunft her slawischen Namen antizipierte Schicksal erfüllt hat: friedvoll, reich an Frieden.

 

 

RP, Juni/Juli 2013, LL